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Die Schlangenfrau

  • Autorenbild: Amelie Reist
    Amelie Reist
  • 30. März
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 7. Apr.



Wir Menschen brauchen Geschichten, um Zusammenhänge zu verstehen. Daher ist es Teil des Medicine Walks, deine Geschichte im Anschluss zu erzählen und sie wieder erzählt zu bekommen. Das gibt dir die Möglichkeit, dich von deiner eigenen Geschichte und den Botschaften der Natur für dich noch einmal berühren zu lassen. Die folgende Geschichte ist eine dieser Medicine Walk Geschichten. Sie ist wahr & magisch zugleich. Du darfst selbst entscheiden...


Es war einmal und es war auch nicht, da stand eine Frau vor dem Nix. Sie war in einem Luftschloss gesessen und hatte geträumt von einem Traumleben. Und dann verliess sie der Prinz und sie fiel aus den Wolken auf die Erde. Es war eine harte Landung, denn für dieses Traumleben hatte sie viel der weltlichen Sicherheit hinter sich gelassen. Die sichere Arbeit. Die gute Wohnung. Die Zugehörigkeit zu ihrer Familie.  


Zu dieser Zeit fand eine kleine Wölfin zu ihr und diese folgte der Frau bei ihrer Flucht aus einem Leben, das aus rohem Schmerz zu bestehen schien. Sie stiegen einen hohen Berg hinauf. Zu einem Platz, der dem Herz der Frau so nah war, wie es nur sein kann. Ihr kennt diese Orte vielleicht. Die wilden Plätze, wo das Herz aufatmet. Wo der Puls sich verlangsamt und die Gedanken Ruhe finden. Für die Frau war dies eine kleine Senke hoch oben auf diesem Berg, wo die Wolken schnell ziehen und der Gebirgsbach seine Quelle hat. Wo die Luft nach Harz und Wildblumen riecht und man keiner Menschenseele mehr begegnet. Dafür vielen Tieren.


Als sie ihren Platz fand, setzte sie sich in den Schatten einer kleinen alten Kiefer, nahe dem Wasser und blickte auf das majestätische Bergmassiv vor sich. Die Frau spürte den Geist der Berge und sie schüttete ihr Herz aus. Erzählte von all dem Unglück, das über sie gekommen war und dass sie das Gefühl hatte, zu fallen und gleichzeitig erstarrt zu sein.

„Mein Herz ist so voller Angst. Aber ich weiss nicht wovor. Ich will mich meiner grössten Angst stellen. Damit ich wieder frei atmen kann.“


Ein Milan flog über die Frau hinweg, als würde er fragen: Hast du Angst vor der Weite, die jetzt entstanden ist? Doch die Frau wusste es nicht. Sie lehnte sich an die Kiefer, mit den uralten Wurzeln und als sie mit ihrer Hand eine dieser Wurzeln berührte, fühlte sie klebrigen Harz. Hast du Angst, dass deine Wunde berührt wird? Nein, die Frau schüttelte den Kopf. Sie führte die Hand mit dem Harz an ihr Herz und atmete tief ein. Das wilde Wasser rauschte gen Tal und schien sie zu fragen: Hast du Angst, loszulassen, dich mitreissen zu lassen und dem Leben zu vertrauen? Die Frau nickte langsam, so als müsste sie diese Angst erst in sich finden. Eine Träne lief ihre Wange hinab.


Die kleine Wölfin vergnügte sich währenddessen. Sie schnupperte, knabberte, fing ihren Schwanz und tat eben all die Sachen, die kleine Wölfe in diesem Alter tun. Die Frau freute sich an der Leichtigkeit des Geschöpfs und fand Trost in den einfachen Dingen des Lebens. Sie erhob sich ebenfalls und wollte ihrer kleinen Freundin hinterher springen, doch erstarrte im selben Augenblick. Zwei Schritte hinter ihr sah sie etwas im Augenwinkel über den Boden gleiten. Eine riesige Kreuzotter.

 

Nun muss man wissen, dass die Frau als kleines Mädchen beschlossen hatte, dass sie keine Angst vor Spinnen und stattdessen Angst vor Schlangen haben würde. Sie dachte, es wäre eine praktische Angst, da es keine Schlangen in ihrem Teil der Welt gäbe. Sie wusste nicht von Kreuzottern, Vipern und Nattern. Als ihr dann kurz nach ihrer ersten Blutung eine erste Schlange begegnete und ihr tief in die Augen blickte, war diese Angst bereits so verinnerlicht, dass das Mädchen kopflos losrannte und erst im sicheren Haus wieder zu Atmen fand. Seit diesem Erlebnis steigerte sich diese Angst zu Panik. Das hinderte die Schlangen jedoch keineswegs dran, der Frau Jahr um Jahr immer wieder über den Weg zu schlängeln.  Die Frau verstand nicht, wie das nur ihr immer wieder passierte. Niemand in ihrem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis war je in der Wildnis einer Schlange begegnet.

 

Nun hier in dieser kleinen Senke auf dem grossen Berg stiess die Frau einen Schrei aus und sprintete dem Wolfskind entgegen. Als sie bei der kleinen Wölfin angelangt war, packte sie das verwirrte Tier und stolperte weiter. Doch zwischen ihrem wild klopfenden Herzen und ihrem panischen Hirn, das den Befehl gab zu fliehen, fragte eine sehr ruhige Stimme mit leichtem Humor, ob sie denn nicht gekommen war, um sich ihrer Angst zu stellen. Und da hielt die Frau inne, schüttelte den Kopf und begann hysterisch zu lachen, bis die Tränen liefen. Und dann weinte sie, weil sie so dankbar war, erhört worden zu sein.

Die Schlange indes war keinesfalls geflohen. Sie lag still und unbeeindruckt von dem Spektakel vor ihr in der Sonne, an der gleichen Stelle wie zuvor. Und blickte die Frau an.

Diese stellte das Wolfskind wieder auf die Füße. Und nahm die Quest an. Sie fühlte die sichere Erde unter sich. Sie legte ihre Hände auf das wild klopfende Herz und fühlte es. Sie ging einen Schritt vorwärts. Und fühlte den schnelleren Puls, den zusammenziehenden Bauch. Und blieb. Sie spürte den Sog, den die Kreuzotter auf sie hatte. Und betrachtete sie das erste Mal genauer. Sie sah ihre feine, in der Sonne glänzende Haut. Die wunderschönen Muster. Das feine Gesicht. Die eindrucksvollen Augen. Und fand unter all ihrer Angst auf einmal Bewunderung für dieses anmutige Wesen. Ihr fielen all die Begegnungen der letzten Jahre ein undsie begann, sich zu fragen, was dies wohl zu bedeuten hatte, dass die Schlangen immer wieder zu ihr kamen. Schritt um Schritt ging sie auf die Kreuzotter zu. Sie liess sich Zeit. Und als sie auf drei Schritte herangekommen war, blieb sie stehen.

Sie fragte die schwarze Schönheit vor ihr, warum sie sich ihr zeigen würde. Und die Kreuzotter schien ihr das Bild einer Schlangenhaut zu zeigen. Du hast dich gehäutet. Und das ist natürlich. Es gehört zu deinem Leben wie zu meinem. Warum fürchtest du um die alte Haut, die zu eng geworden ist? Fürchtest du dich, dein Leben ganz für dich zu leben? Hast du Angst vor dem Wilden in dir, Angst das es dich verschlingen will? Die Schlange blickte der Frau noch einmal in die Augen. Und schlängelte Richtung Wasser. Dann war sie verschwunden. Die Frau fühlte die Wahrheit in der Botschaft der Schlange. Doch es würde Jahre brauchen, bis sie die Weisheit auch wahrhaftig verkörpern konnte. Bis sie anfing, tatsächlich in ihrem Leben für sich zu gehen.


Noch heute hat die Frau Angst vor den Häutungen des Lebens. Jedoch erstarrt sie nicht mehr, sondern begrüsst die Angst, wie sie auch immer noch die Schlangen begrüsst.

Es ist, als würden sich diese Wesen immer dann zeigen, wenn die Frau an die Weisheit ihrer wilden Urnatur erinnert werden muss.

 

Diese Geschichte ist wahr und sie ist frei erfunden. Glaubst du an die Medizin von Geschichten? Ich darf immer wieder Menschen ihre Geschichten spiegeln, die sie tatsächlich in der Natur erlebt haben. Dieses Wiedererzählen ist ein grosses Geschenk für mich und ich sehe immer wieder, wie es auch die Menschen berührt, denen ich ihre eigene Geschichte erzähle, mit einer Prise von mir.


Wenn du auch von den Haslibergen und dem wilden Wald hier berschenkt werden willst, komm auf einen Medizingang vorbei und erlebe die Magie am eigenen Körper.

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ameliereist@gmail.com  |  Tel: +41 (0)76 215 51 86

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